Mein Corona – Fluchtbild

Im März war ich in Britisch Kolumbien. Ich hatte dort auf der kleinen Insel Salt Spring Island ein Stipendium als Artist in Residence.

Meine mit einem eigenen Atelier ausgestattete Wohnung lag direkt am Hafen der kleinen Stadt Ganges. Ich hatte eine eigene Holzterrasse und konnte die Wasserflugzeuge starten und landen sehen. Ich beobachtete See-Otter, Robben und jede Menge Greifvögel.

Die Künstler vor Ort nahmen mich herzlich auf, zeigten mir ihre Ateliers und hatte Lust, sich über ökologische und abstrakte Kunst auszutauschen. Ich hielt einen Vortrag. Ende des Monats war eine Ausstellung geplant. Danach wollte mein Mann Daniel für zwei Wochen zu mir kommen und mit mir herumreisen. Ich war rundum glücklich und zufrieden.

Dann kam CORONA.

Auszüge aus meinem Tagebuch (gekürzt):

04.03.20

Artist talk. Es kommen 35 Leute. Die Hälfte des Saales bleibt leer. Youyao und Perusha haben laut Patrick wegen dieser Corona-Grippe abgesagt. Vielleicht ging das auch anderen so? Ich kann die Panik nicht verstehen.

06.03.20

Ich male den ganzen Tag. Abends gibt es ein Event im Hafen: eine Marimba Band spielt vor zahlreichen Hippies. Ich ziehe meine Schuhe aus und tanze, was das Zeug hält. Hier kennt mich ja keiner…

07.03.20

Paintmaking Workshop: alle Künstler*innen waren da, und einige Interessierte, aber trotzdem waren es nur 16. Melanie sagt, dass sich viele ältere Menschen nicht mehr aus dem Haus trauen wegen der Virus-Sache aus China.

10.03.20

Das große Bild ist jetzt fertig, denke ich. Konzert in der Town Hall: John MacLaughlan sings Lightfoot. Die Halle ist bis auf den letzten Platz ausverkauft, das Konzert echt toll.

11.03.20

Bei Thriftys gibt es kein Klopapier und kaum noch Nudeln. Höre von zu Hause das Gleiche. Was wollen die Menschen mit so viel Klopapier?

12.03.20

Trump hat ein Reiseverbot EU -> USA verhängt. Krass! Schulfrei in Niedersachsen! Scheint doch alles ganz schön ernst zu sein.

Facetime mit Daniel. Was ist, wenn er nicht fliegen kann?

Ich mag nicht mehr malen. Die Restaurants und Cafés downtown haben alle zu. Immerhin hat das Schwimmbad noch geöffnet.

13.03.20

Freitag der 13. Meine Abschlussaustellung wird abgesagt. Bei der Tankstelle am Country Grocer ist es apokalyptisch voll. In den Nachrichten wird Europa als Epizentrum der Corona-Pandemie bezeichnet.

15.03.20

Daniel wird nicht kommen. Seine Flüge sind abgesagt. Bei meinen Eltern im betreuten Wohnen herrscht offenbar striktes Besuchsverbot! Ich telefoniere und facetime und entscheide letztlich, mir einen neuen Flug zu buchen, für diesen Samstag. Wer weiß, ob ich hier sonst noch wegkomme? Die Lufthansa macht schon jetzt nur noch 10 Prozent ihrer Langstreckenflüge. Die Hotline ist natürlich dauerbesetzt, also kann ich nur einen neuen Flug buchen, schön teuer. Joan kauft mir das blaue Farbfeld ab, so dass wenigstens eins meiner Bilder auf der Insel bleiben wird.

16.03.20

Alles ist wie in einem Film. Atme und mache viel Yoga. Schaue viel Nachrichten, google rum, trage mich auf einer Liste vom Auswärtigen Amt ein, falls der Flug doch noch ausfällt.

17.03.20

Ich kaufe mir beim Thrift Store einen Extrakoffer für Material und Bilder. Checke Flug und Fähre. Beides noch da. Das Schwimmbad hat nun auch noch zu. Mache einen langen Spaziergang. Allein, weil alle in Self-Isolation sind.

18.03.20

Ich höre Merkels Ansprache. “Es ist ernst”, sagt sie. Ich fahre nochmal einkaufen, aber es ist fast niemand mehr unterwegs. Ich mache ein paar sonnige Erinnerungsfotos von Ganges. Fast ohne Menschen darauf. Nach und nach verabschieden sich alle von mir; per Email und Text oder telefonisch. Nur Melanie traut sich noch einmal zu mir.

19.03.20

Ich nehme alle Leinwände von den Rahmen herunter. Schweren Herzens knicke ich sie, um sie alle in den Koffer zu bekommen. Meine Materialien muss ich alle zurück lassen. Ich schreibe Gillian eine Email, die sagt, dass sie die Pigmente und angebrochenen Flüssigkeiten sehr gerne haben will. Abends zerfließe ich in Selbstmitleid und heule eine Runde. Da hilft auch kein Yoga mehr.

20.03.20

Ich verbringe den Tag mit Packen, Faulenzen, einem einsamen Spaziergang und Netflix, bringe dann abends schon die Koffer ins Auto, denn die Fähre nach Vancouver geht um sechs Uhr. Schlafen kann ich kaum. Was ist, wenn der Flug doch noch gecancelt wird?

21.03.20

An der Fähre bin ich die erste, viel zu früh, das Personal führt eine groß angelegte Desinfektionsaktion durch. Mit ein paar Tränen verlasse ich die Insel und gleite auf der leeren Fähre ins Morgengrauen hinein. In Vancouver gebe ich das Auto ab und habe einige Stunden Zeit am Flughafen. Er ist voller weinender Au Pairs und Austausch-Student*innen. Viele versuchen verzweifelt, Ersatz für ausgefallene Flüge zu bekommen.

22.03.20

Im Nachhinein höre ich, dass mein Flug der letzte Linienflug von Vancouver nach Frankfurt war. Dort herrscht geisterhafte Leere. Ein paar Asiaten in Hazmat-Suit. Auch den ICE nach Hannover und die Stadtbahn 10 nach Linden habe ich noch nie so leer erlebt.

Ich bleibe zwei Wochen in Quarantäne, bevor ich die ersten Freunde und meine Familie wiedersehe. Meine Mutter treffe ich für ein paar Wochen “illegal” auf einer Parkbank. Mit einer kleinen Nichte, die nicht in die Kita darf, mache ich zahlreiche Bastel-Sessions.

Es dauert Wochen, bis der Künstlerbedarf wieder geöffnet wird und ich neue Rahmen für meine Bilder kaufen kann. Ich habe alle neu aufgespannt, bis auf dieses hier. Vielleicht muss es so bleiben, bis ich die ganze Sache verdaut habe.

 Mein Corona-Fluchtbild.

Farbfeld Grün, Saltspring Island 2020

Metamorphosen – die auekunst in Liebenau zeigt Malerei der hannoveraner Künstlerin Claudia Wilholt

Pressetext der auekunst:

Die auekunst in Liebenau zeigt großflächige Farbfelder der Malerin Claudia Wilholt, die zu einer neuen Generation von Künstler*innen gehört, die eine nachhaltige, ökologischen Kunst im Einklang mit der Natur erforschen.

auekunst e.V., Liebenau, 12.09. – 26.10.2020
Öffnungszeiten immer sonntags 16-18 Uhr
Eröffnung am 12.09.2020, 16 Uhr

In einem Künstler*innengespräch zur Ausstellungseröffnung am 12.09.2020 um 16:00 Uhr wird Claudia Wilholt ihre „organische“ Arbeitsweise vorstellen.

Ovid: Metamorphosen XV, 177 verfasst 1-8 n.Chr

„Nichts ist von Bestand in der Weite des Weltalls, alles fließt, und jedes Gebilde unterliegt ständigem Wechsel.“

Wilholt malt in lasierenden Schichten. Tiefe und Form entstehen, bauen sich auf, wachsen. Der gesamte Entstehungsprozess eines Bildes dauert nicht selten einige Wochen. Durch das langsame Wachsen der Bilder entstehen große Subtilität und buchstäbliche Vielschichtigkeit. Die Künstlerin arbeitet stets seriell, in Variationen eines Themas. Innerhalb der Serien gibt es Wechselwirkungen, optische Korrespondenzen und inhaltliche Dialoge. Dennoch können alle Bilder auch einzeln für sich sein. Trotz der oft vollständigen Abstraktion ergeben sich Spuren des Wachsens und Werdens, die an natürliche Strukturen erinnern.

Auf die Frage wie unser modernes Leben und seine kulturellen Ausdrucksformen vor dem Hintergrund des Klimawandels noch zu rechtfertigen sind, hat die Malerin als Antwort zu einer Art minimalistischer Rückkehr zu den Wurzeln der Farbproduktion und Gestaltung gefunden. Diese zeigt sich vom Bau des Malgrunds aus unbehandeltem Holz und Leinwand bis hin zur selbst hergestellten, klassischen Eitempera unter Verwendung von natürlichen Zutaten und Pigmenten.

Während ihrer „Artist Residencies“ 2019 (Ou Gallery, Duncan) und 2020 (Saltspring Arts Council) hat Claudia Wilholt in Workshops ihre Art der Farbherstellung vorgestellt und sich mit anderen Künstler*innen darüber ausgetauscht, wie sich Farbpigmente aus natürlichen Ressourcen selbst gewinnen lassen.

Die kanadische Natur hat einen sichtbaren Effekt auf ihre Malerei gehabt. Vor allem die Wälder und das Wasser sind in den „kanadischen Bildern“ spürbar.

„Organische Abstraktion“ – Erforschung einer nachhaltigen, ökologischen Malweise

Meine langsame Arbeitsweise mit selbst hergestellter Eitempera ist an sich bereits „organisch“.  Eigentlich beginnt der Prozess schon mit dem Bau der Leinwand. Aus unbehandeltem Holz und Leinwand entsteht mein Malgrund, den ich dann mit Knochenleim spanne und grundiere. Die natürliche Textur der Leinwand bleibt erhalten und kann die Farbe ganz anders aufnehmen als eine vorgrundierte Fertigleinwand.
Meine Farben mache ich seit Jahren selbst. Zuerst stelle ich nach einer speziellen Rezeptur aus Leinöl, Kampheröl, Balsamterpentin (hier experimentiere ich zurzeit mit ungiftigen Alternativen), Knochenleim (alternativ auch Dammarharz) und Ei eine Grundpaste her. Diese wird dann durch Farbpigmente zum Malmittel, das ich mit Wasser verdünnen kann. Ich male in lasierenden Schichten. Tiefe und Form entstehen, bauen sich auf, wachsen. Der gesamte Entstehungsprozess eines Bildes dauert nicht selten einige Wochen. Das langsame Wachsen der Bilder ist mir wichtig. Nur so kann die gewünschte Subtilität und Vielschichtigkeit zum Leben erwachen. Ich arbeite stets seriell. Ich denke meine Bilder sind Variationen eines „Themas“. Innerhalb der Serien gibt es Wechselwirkungen, optische Korrespondenzen und inhaltliche Dialoge. Dennoch können alle Bilder auch einzeln für sich sein. Trotz der oft vollständigen Abstraktion ergeben sich Spuren des Wachsens und Werdens, die an natürliche Strukturen erinnern können und dürfen.

In den vergangenen Monaten hat mich in meiner künstlerischen Arbeit die Frage der Nachhaltigkeit ganz besonders beschäftigt.
Wie ist unser modernes Leben (und meine Kunst) vor dem Hintergrund des Klimawandels noch zu rechtfertigen? Kann auch hier – wie in so vielen anderen Bereichen des Lebens – eine Art minimalistische Rückkehr zu den Wurzeln (der Farbproduktion und Gestaltung) ein Ansatz sein, um zu einem neuen Verständnis zu gelangen?

Durch Besuche bei einer Freundin die dort lebt, habe ich in den vergangenen Jahren Vancouver Island kennen gelernt und eine lebendige, alternative Kunstszene angetroffen. Erfreulicherweise habe ich für 2019 und 2020 je eine Artist Residency in British Columbia bekommen. Während dieser einmonatigen Aufenthalte habe ich dort in Workshops meine Art der Farbherstellung vorgestellt und mich mit anderen Künstler*innen ausgetauscht. Für mich waren besonders neue Methoden interessant, Farbpigmente aus natürlichen Ressourcen selbst zu gewinnen (Sand, Stein, Pflanzen). Die Natur um mich herum hat einen enormen Effekt auf meine Malerei gehabt. Vor allem die Wälder und das Wasser sind in den „kanadischen Bildern“ spürbar.

Farbfeld, Eitempera und Naturpigmente auf Leinwand, 90 x 90 cm, 2020

 

 

Meine Arbeitsweise

Ich male mit Eitempera auf Leinwand. Die langsame Trocknung und Wasserlöslichkeit der Eitempera ermöglichen mir eine lasierende Malweise, die dem Aquarellieren nahe kommt. Tiefe und Form entsteht, baut sich auf, wächst. Meine Farben mache ich selbst. Zuerst stelle ich nach einer traditionellen Rezeptur aus Leinöl, Balsamterpentin, Knochenleim (Dammarharz) und Ei eine Grundpaste her. Diese wird dann durch Farbpigmente zum Malmittel. Der gesamte Entstehungsprozess eines Bildes dauert nicht selten einige Wochen. Das langsame Wachsen der Bilder ist mir wichtig. Nur so kann die gewünschte Subtilität und Vielschichtigkeit zum Leben erwachen. Ich arbeite stets seriell. Innerhalb der Serien gibt es Wechselwirkungen, optische Korrespondenzen und inhaltliche Dialoge. Dennoch können alle Bilder auch einzeln für sich sein.